Geschichte

der Hinrichshäger Waldgaststätte „Schinkenkrug“

von Volker Schmidt
Heidechronist


1731 wird für diesen Ort an der Stadtgrenze Rostocks erstmals ein Baumwärter Friedrich Wandelborn aufgeführt, der Name Hinrichshagen wird aber nicht erwähnt. 1743 gibt die von Rottermann gezeichnete Karte zumindest schon ein Haus an.

1765 verzeichnet die Direktorialkarte für Hinrichhagen bereits drei Häuser.

1811 wird das Gebäude der Gaststätte auf der von Forstinspektor Becker gezeichneten Karten mit einem kleinen Hintergebäude aufgeführt und zeigt das Gebäude schon in seiner heutigen Länge.

1887 Herr Carl Friedrich Theodor Strömann (29.03.1828 – 25.07.1912) wird Holzwärter in der Rostocker Heide und erhält das damalige Forsthaus an der Straßengabelung Niederhagen/Markgrafenheide/Graal als Wohnung zugewiesen. Er heiratet seine 30 Jahre jüngere Frau Elise und hat in der Folge mit ihr fünf Kinder.

1888/89 Mit der Erteilung der Schankberechtigung für den Ausschank von Getränken an Strömann neben seiner eigentlichen Tätigkeit in der Rostocker Forstwirtschaft beginnt im Waldarbeiterdorf Hinrichshagen die Gastronomiegeschichte. Seither konnten die Heidewanderer hier ihren Durst löschen. Eine ergötzliche Geschichte machte wenig später in der Rostocker Heide die Runde und trug wesentlich zur Popularität des Holzwärters und seines Ausschankes bei: bei einer Drückjagd im Winter war Strömann wie immer vorneweg, als es in in ein Unterholz ging. Plötzlich wurde es unter ihm lebendig und ehe er sich versah, saß er rittlings auf einem ausgewachsenen Keiler. Auch dieser war nicht weniger erschrocken als der wackere Waidmann und floh mit seinem Reiter im Schweinsgalopp aus seinem Lager. Dabei verlor er alsbald seinen Passagier. Das nun folgende Amüsement und die Schadenfreude der Jagdgesellschaft kann man sich vorstellen. Sogar die Rostocker Zeitung (25.11.1898) griff diese Episode auf und machte daraus den Ritt eines Heidewanderers auf einem grimmigen Keiler was auf eine zeitgenössische Ansichtskarte seinen Niederschlag fand.

1899 Die erste Ansichtskarte der Ausflugsgaststätte wird von dem Rostocker Buchhändler B. Meyer hergestellt und den Krugbesuchern zum Kauf angeboten.

1901 Ausbau des Forstgehöftes in Nord- Südrichtung und Einbau von Zimmern im Obergeschoss.
(Zu dieser Zeit gehörten bereits die bekannten Schriftsteller Johannes Trojan und Heinrich Seidel sowie der Stadtarchivar Ludwig Krause zu den regelmäßigen Besuchern des Waldkruges)

1902 Regelmäßige Bierbelieferung durch die Rostocker Brauerei Mahn & Ohlerich

1905 Errichtung eines Vordaches mit Begrünung vor dem Haus- und Gaststätteneingang.

1911 Strömann wird – bereits 83-jährig – zum Unterförster ernannt

Ostern 1912 Der Unterförster Strömann gibt den „Waldkrug“ auf, verkauft das Inventar und zieht nach Rövershagen, wo er am 25. Juli verstirbt. Die von der Stadt Rostock ausgeschriebene Krugwirtschaft pachtet Friedrich Behrens (? - 1928). Er realisiert verschiedene Umbauten und verstirbt plötzlich und unerwartet.

1928 Die Witwe von Friedrich Behrens, Auguste, geb. Fram (1900 - 19xx) tritt in den Pachtvertrag ihres Mannes ein und führt den „Waldkrug“ weiter.

31.03.1929 Der Pachtvertrag von Friedrich Behrens läuft aus und seine Witwe unterzeichnet einen neuen – auf sechs Jahre lautenden Vertrag.

30.03.1930 Der Sohn des Ehepaares Behrens, Karl (1898-1956), übernimmt von seiner Mutter das Vertragsverhältniss und realisiert verschiedene bauliche Veränderungen. So wird zur bislang existierenden alleinigen kleinen Gaststube ( 4,20 x 5,80 Meter) durch Freizug von einer Wohnung eine „grote Stuw“ (die später als Saal bezeichnet wurde und 7,80 x 5,75 Meter maß) dem Platzangebot hinzugefügt. Parallel dazu wird „der Grund“ im gegenüberliegenden Wald „urbar“ gemacht und als Außenanlage genutzt. So konnten wesentlich mehr Besucher bedient werden – und das auch mit bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht verabreichten Speisen.

Um 1932 Eine Tankstelle mit einer Zapfsäule wird gegenüber dem Waldkrug eröffnet.

Frühjahr 1933 Spätestens seit diesem Zeitraum wird die Gaststätte regelmäßig als Wahllokal genutzt.

Karl Behrens mästet ab 1931 jährlich bis zu zehn Schweine. Deren Schinken wurde geräuchert und eingelagert, später dann als Spezialität zu unterschiedlichen Gerichten den Gästen angeboten. So bürgerte sich im Volksmund der Name „Schinkenkrug“ ein, der aber erst nach dem 2. Weltkrieg (vermutlich nach 1950) als offizielle Bezeichnung auftauchte.

Sept. 1939 Karl Behrens wird zur Wehrmacht eingezogen und der Waldkrug zeitweilig geschlossen. Nur noch sporadisch werden Veranstaltungen durchgeführt.

Um 1943 Für den Seefliegerhorst Warnemünde-Hohe Düne wird im Waldkrug ein Hilfslazarett,dessen Betreuung von Graal-Müritz aus erfolgte, eingerichtet.

01.05.1945 Einmarsch der Roten Armee. Es kommt zu Plünderungen, Vergewaltigungen und Erschießungen. Die Einwohner verstecken sich im Wald bzw. flüchten in andere Orte.

24.05.1945 Rückkehr von nach Niex geflüchteten Einwohnern, darunter auch Familie Behrens.

Mai 1946 Wiedereröffnung der Waldgaststätte durch Karl Behrens (Eine kontinuirliche Bewirtschaftung erfolgte aber zeitbedingt erst Anfang 1947)

14.11.1950 Karl Behrens gibt die Bewirtschaftung des Waldkruges auf und zieht mit seiner Familie nach Nienhagen bei Doberan.Gleichzeitig übernimmt der in Hinrichshagen wohnende Forstarbeiter Fritz Holtfoth (1896 - 1969) die Bewirtschaftung der Restauration. Als Verpächter tritt nun an Stelle der Forstwirtschaft die Rostocker KONSUM-Genossenschaft auf. Sie zahlt dem Gaststättenleiter ein festes Gehalt zuzüglich einer Umsatzprovision von 1 %. Die Angestellten werden vom Konsum generell mit einem Festgehalt entlohnt.

Ab 1950 Der „Schinkenkrug“ ist für die Einwohner von Hinrichshagen Versammlungslokal und „Ortszentrum“.

01.01.1960 Fritz Holtfoth beendet seine Tätigkeit als Gastwirt. Ernst (genannt „Hanning“) Muhr (1933-2005) aus Markgrafenheide übernimmt die Bewirtschaftung. Da er aber noch im gleichen Jahr die Gaststätte des Markgrafenheider Zeltplatzes übernimmt folgt ihm ein Herr Öttinger (?) der aber auch noch 1960 nach „Westdeutschland“ geht.

01.01.1961 Herr Rudolf Donner, Elektroschweißer auf der Warnowerft, wird nach seiner Bewerbung als Gaststättenleiter eingesetzt.

19.01.1978 Der „Schinkenkrug“ wird wegen seiner typischen Heidearchitektur unter Denkmalschutz gestellt. Spezieller Bestandteil dieses Ensembles ist ein historischer runder Kachelofen.

Waren anfangs vorrangig Einwohner und in der Forst Beschäftigte Gäste des „Schinkenkruges“, so kamen bereits nach 1960 zunehmend Urlauber auf der Durchreise nach Graal-Müritz oder Markgrafenheide hinzu. Ihnen schlossen sich später die Inhaber und Gäste der in Hinrichshagen entstandenen Ferienbungalows an. Als Parkplatz wurde die dem Hof gegenüberliegende Wiese genutzt.

1986 Das 25-jährige Jubiläum als Gaststättenbetreiber wird festlich begangen. Aus diesem Anlass gibt es Extra-Bieruntersetzer und Biergläser.

Sommer 1989 Familie Donner gibt die Leitung des Schinkenkruges auf und unterstützt den Sohn Dietmar bei der Bewirtschaftung des „Heidekruges“ in Rövershagen.

1990/91 Frau Sigrid Schubert (später verehelichte Albrecht) übernimmt den „Schinkenkrug“ und bewirtschaftet ihn bis zum 31.01.1991 weiter.

01.02.1991 Mit der Absicht, den Schinkenkrug von der KONSUM-Genossenschaft zu kaufen, beginnt unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten eine aufwendige Restaurierung. Der Kauf des Anwesens scheitert aber letzendlich, da nicht der KONSUM, sondern die Stadt Rostock dessen rechtmäßiger Eigentümer ist. Sie macht Ende 1991 erfolgreich ihre Ansprüche auf Rückübertragung gegenüber dem KONSUM geltend. Der Baubetrieb übernimmt daher zur Wahrung seiner Ansrüche die Erbbaurechte.

Ostern 1992 Der ehemalige Waldkrug wird als „Boomhus“ neu eröffnet. Famile Albrecht geht bei der neuen Namensgebung von der irrigen Voraussetzung aus, dass der alte Strömann als „Baumwärter“ (eine um 1900 übliche forstwirtschaftliche Dienstbezeichnung) die Aufgabe hatte, einen in Hinrichshagen vorhandenen Schlagbaum zu betreuen und ggf. Chausseegeld einzutreiben.

06.06.1998 Die Hamburgerin Frau Christine Voss übernimmt vom Baubetrieb die mit der Erteilung der Erbbaurechte verbundenen Rechte und Pflichten. Gleichzeitig erwirbt sie diese für den Rest des Gebäudekomplexes, der zu Ferienwohnungen ausgebaut wird.

2000/01 Das Ehepar Colette und Sven Weichert sind Pächter der Gastwirtschaft. Sie ziehen aber bereits 2003 wieder in das heimatliche Thüringen.

2003-2007 Mehrere nicht immer zuverlässige Pächter wechseln in kurzen Abständen und das „Boomhus“ und nachher „Schinkenkrug“ bleibt mehrmals längere Zeit geschlossen.

01.03.2007 Helga und Hartmut Schwanck aus Stralsund betreiben seitdem das Objekt mit den Kindern Mathias und Rabea.